Deutschlands Arbeitnehmer treibt ein neues Schreckgespenst um: Industrie 4.0 wird menschliches Leben aus Fabriken und Betrieben verdrängen. Der Mensch schafft sich selbst ab und übergibt die Verantwortung an intelligente Roboter. Kann das irgendjemand wollen???????????????????????

Auf unserem Blog schreiben unsere Partner regelmäßig über ihr Spezialgebiet. Olaf Dierig ist seit 25 Jahren erfolgreich im Bereich „IT & Produktion“ für Automotive und Maschinenbau tätig und beschäftigt sich ausführlich mit den personalbezogenen Herausforderungen der Industrie 4.0.

Neu sind diese Ängste nicht. Deutschland hat schon drei industrielle Revolutionen hinter sich, in deren Verlauf immer auch der Niedergang der Arbeiter propagiert wurde. Die Angst des Menschen, durch Maschinen ersetzt zu werden, ist so alt wie Ablösung des Webstuhls durch die Webmaschine.

In der Industrie 4.0 ist es vor allem der Vernetzungsgedanke, der vielen Beteiligten Probleme macht. Der Mensch kann zusammen von Ressourcen, Maschinen und Produkten als Netzwerkobjekt gedacht werden. Verständlich, dass das die Ängste des letzten Jahrhunderts wieder hochkochen lässt. Doch auf diesen baut ein Hype um die Übernahme der Roboter auf, der mir das Produkt feuilletonistischer Polemiker zu sein scheint. Denn – und das möchte ich Ihnen im Folgenden kurz erläutern – das Konzept Industrie 4.0 bringt dem Menschen vor allem Vorteile. Und zwar auf allen Ebenen.

Keine PanikDie Angst vor dem Jobverlust ist vor allem für ungelernte Arbeiter unbegründet. Auch Fach- und Führungskräfte haben keinen Grund, sich vor der Industrie 4.0 zu fürchten. Die Frage „Wo bleibt der Mensch?“ stellt sich in der aktuellen Diskussion nur, weil ein Kommunikationsdefizit besteht.

Neuorganisation auf allen Ebenen – Projekte statt Abteilungen

Mit Industrie 4.0 organisieren sich die Betriebe neu: Über Internetprotokolle verknüpfen sich Abteilungen zu horizontal und vertikal integrierten Wertschöpfungsnetzen. Das bedeutet, dass alles, was an der Produktion beteiligt ist, miteinander kommuniziert – in der Automobilfertigung beispielsweise das Bauteil der Maschine mitteilt, wie es zu fertigen ist. Das hört sich trivial an, stellt aber organisatorisch gesehen eine fundamentale Änderung zum alten Modell dar.

In der „Alten Welt“ versorgten in sich geschlossene Systeme wie Fertigung, Forschung oder Vermarktung  abteilungsübergreifend mit Daten und Informationen via Schnittstellen – statisch und wenig flexibel. Heute werden jedem Teilnehmer die relevanten Daten in Echtzeit bereitgestellt. So wird der Produktionsprozess flexibler: Kundenwünsche können berücksichtigt und Produktionsketten nachfrageabhängig eingestellt werden.

Bei so viel Flexibilität ist es nur natürlich, dass sich auch die übergeordneten Strukturen ändern. Wenn der Mitarbeiter eine in ständig wechselnde Prozesse eingebundene Größe sein soll, macht es Sinn, ihn in Projekten statt Abteilungen zu organisieren. Das hat den Vorteil, dass Mitarbeiter leichter auf andere Projekte umsatteln können, ohne dass ihre Arbeitskraft ungenutzt in Spezialabteilungen vor sich hin schlummert. Auch ist die Projektstruktur dem Industrie 4.0-Konzept viel näher, weil der Mensch nicht mehr als abgekoppeltes Wesen, sondern als integriertes Modul gedacht wird.

Natürlich wird dieser Wechsel in Deutschland schleppend vorangehen, einfach weil die Organisation nach Abteilungen in unserer heutigen Firmenstruktur tief verwurzelt ist. Auf lange Sicht hat diese Art der Organisation aber vor allem Vorteile. Die Projektstrukturen werden helfen, den Fachkräftemangel innerhalb des Betriebes zu minimieren. Der Wechsel von einer Tätigkeit zur anderen wird viel leichter werden, so dass Fachkräfte bedarfs- und betriebsabhängig eingesetzt werden können.

Damit besteht schon auf Organisationsebene eine Verbesserung für den Menschen im Betrieb 4.0 – er wird flexibler und vielseitiger einsetzbar. Es fallen weniger Jobs weg, weil der neue Mitarbeiter nicht mehr auf obskures Spezialwissen angewiesen ist. Er ist innerhalb der Produktionsmatrix austauschbarer, kann aber gleichzeitig auch an viel mehr Stellen eingesetzt werden als früher.

Neue Arbeitsplätze – für ungelernte Arbeiter und Fachkräfte

Das birgt vor allem für ungelernte Arbeitskräfte enormes Potential. Wer Angst hat, in Zukunft durch Roboter ersetzt zu werden, sollte sich im Gegenteil klar machen, wie stark die neue Vernetzung helfen kann. Das könnte beispielsweise so aussehen wie im folgenden Video.

Die Vision eines über Augmented Reality eingebunden Arbeiters birgt Gewinn für alle Beteiligten. Der Entscheider freut sich, weil er sich die Kosten für das Training pro Mitarbeiter spart und Personal innerhalb seiner Firma flexibler einsetzen kann als früher. Die ungelernte Arbeitskraft freut sich, weil die Einstiegshürden um ein Vielfaches geringer geworden sind. Schließlich freut sich der angestellte Arbeiter, dessen Umschulung über AR-Brille und Support-Center direkt am Arbeitsplatz durchgeführt wird.

Auch für hochqualifizierte Fachkräfte wird Industrie 4.0 Verbesserungen auf dem Arbeitsmarkt bewirken. Laut einer Studie der Boston Consulting Group entstehen alleine im deutschen Maschinenbau 100.000 neue Arbeitsplätze in den nächsten zehn Jahren. Das liegt vor allem an der gesteigerten Produktivität, die Betriebe des produzierenden Gewerbes in ihrem Geschäft erwarten können: BCG spricht von 4 bis 15 Prozent der Gesamtkosten, sowie einem zusätzlichen Wachstum von 1,1 Prozent des Bruttoinlandsproduktes.

So gesehen besteht kein Grund mehr, Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes zu haben. Durch Industrie 4.0 steigen die Möglichkeiten für ungelernte Arbeitskräfte genauso wie für Fachkräfte, weiterhin für ihr Unternehmen nützlich zu sein.

Neue Herausforderungen für Führungskräfte

Gedanken machen müssen sich vor allem die, die dafür bezahlt werden: Die Führungskräfte. Für die ändern sich nämlich ebenfalls die Vorzeichen. Der Industrie 4.0-Leader muss die Zusammenhänge seines Smart Supply Chain kennen, oder zumindest wissen, bei wem er sich die nötigen Zahlen besorgt. Dafür braucht es Leute, die in IT-Strukturen denken können und dem Wechsel in die Industrie 4.0 mit Freude statt mit Argwohn begegnen.

Die richtigen Fachleute für diese Positionen existieren – für eine effektive Rekrutierung braucht es natürlich die richtigen Mittel. Seien Sie versichert: Die Spezialisten sind verfügbar, sie sind gut, und sie brennen auf die Herausforderungen einer Arbeit mit smart vernetzten Systemen dieser Größenordnung.

Anders formuliert: Für IT-affine Führungskräfte ist Industrie 4.0 keine Bedrohung. Da kommt Bewegung ins Spiel, da bietet sich die Möglichkeit, deutsche Wertschöpfung in den nächsten zehn Jahren voranzutreiben. Außerdem bietet sich die Chance, die eigenen Fähigkeiten an einer noch nie dagewesenen Problemstellung zu versuchen.

Robots welding in a production line

Industrie 4.0 und der Faktor Mensch

Industrie 4.0 wird sicher nicht am Faktor Mensch scheitern. Der Mensch – ob als ungelernter Arbeiter, Facharbeiter oder Führungskraft – wird eher in den Mittelpunkt rücken und dabei von gesundheitsgefährdenden und stupiden Abläufen entlastet.

Wo wir schon dabei sind: Industrie 4.0 ist kein Prozess, der sich irgendwie aufhalten ließe. Wir reden hier von einer industriellen (R)Evolution, welche das Potential hat, das verarbeitende Gewerbe auf allen Ebenen zu ändern – das ist nichts, was an- oder abgestellt werden könnte. Wer die zur Verfügung stehende Technologie nutzt, wird auch ihre Vorteile genießen. Wer Angst vor Änderungen hat, wird Produktivitätseinbußen hinnehmen müssen.

Die Frage ist, ob Deutschland – in puncto Industrie 4.0 – jetzt und in Zukunft eine Vorreiterrolle einnehmen wird. Konkurrenz gibt es aus China und den USA – die Vorteile als Industriestandort liegen bei uns. Gute Infrastruktur und politisches Wohlwollen sind optimale Bedingungen für eine deutsche Pole Position.

Was können Sie tun?

Fragen Sie sich: „Wo will ich in fünf Jahren mit meinem Unternehmen stehen?“

Bedenken Sie, wie sich der internationale Markt entwickeln wird.

Und bitte, vergessen Sie die Frage: „Brauche ich Industrie 4.0 für mein Unternehmen?“

Finden Sie lieber eine Antwort auf die Frage „Welchen Marktanteil werde ich künftig haben, wenn ich nicht nach Industrie 4.0 Prinzipien produziere?“

Veranlassen Sie also die notwendigen Schritte, um Ihrem Unternehmen mit Hilfe von Industrie 4.0 die optimale Position zu sichern.

Denn, frei nach Leonardo Da Vinci: Die Zeit verweilt nur für den, der sie zu nutzen vermag.